Der Mann, der vier Jahre lang GitHub geführt hat, baut jetzt ein eigenes Git-Netzwerk. Thomas Dohmke, bis 2025 CEO der größten Code-Plattform der Welt, hat sein Startup Entire aus dem Verborgenen geholt - mit 60 Millionen Dollar Startkapital und einer Bewertung von 300 Millionen. Das klingt nach GitHub-Konkurrenz, und die Überschriften lesen sich auch so.
Nur ist das, was Entire heute tatsächlich tut, kleiner und spezifischer als eine neue Code-Plattform - und dahinter steckt eine interessante Wette darauf, wie sich Softwareentwicklung gerade verändert. Ich baue selbst mit KI-Werkzeugen und verfolge deshalb, was sich an der Infrastruktur darunter verschiebt. Also habe ich mir angeschaut, was Entire wirklich ist, jenseits der Gründungsmeldung.
Was gerade passiert ist
Dohmke hat GitHub im August 2025 verlassen, nach eigener Aussage, um „zu seinen Startup-Wurzeln zurückzukehren“. Damals hatte die Plattform über 180 Millionen Nutzer und mehr als 630 Millionen Projekte. Anfang 2026 gründete er Entire, inzwischen arbeiten dort über 40 Leute in neun Ländern, darunter Deutschland und die Niederlande. Bis Jahresende sollen es 60 sein.
Am 8. Juli hat Entire eine Preview geöffnet - zugänglich über eine Warteliste, mit aktiven Regionen in den USA, der EU und Australien. Das ist der Stand: kein fertiges Produkt, sondern ein erster spielbarer Ausschnitt. Was genau steckt also in diesem Ausschnitt?
Was Entire heute wirklich ist: ein regionaler Spiegel
Das Einzige, was Entire aktuell kann, ist Spiegeln. Man verbindet ein bestehendes GitHub-Repository in einem Schritt, und Entire hält davon regionale Kopien bereit. Der Code bleibt dabei auf GitHub. Was sich ändert: Wer das Repo klont oder Änderungen abholt - vor allem KI-Agenten -, tut das nicht mehr gegen den zentralen GitHub-Server, sondern gegen eine Kopie in der Nähe.
Die naheliegende Analogie ist ein CDN, ein Content Delivery Network. Ein CDN legt Kopien einer Website in Rechenzentren weltweit ab, damit Besucher die Seite von einem Server in ihrer Nähe laden statt einmal um die halbe Welt. Entire macht dasselbe mit Git-Repositories: Es bringt den Code näher an das, was ihn abruft - ohne dass GitHub aufhört, die eigentliche Quelle zu sein.
GitHub bleibt dabei die Quelle, Entire ersetzt es nicht - es schiebt sich als Schicht davor. Das ist heute der ganze Umfang. Direktes Hosting eigener Repositories, mit dem Entire GitHub tatsächlich ablösen könnte, steht auf der Ankündigungsliste für die kommenden Monate, nicht im heutigen Funktionsumfang.
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Das eigentliche Problem: warum das gerade jetzt jemand baut
Um zu verstehen, warum ein regionaler Git-Spiegel plötzlich eine 300-Millionen-Wette wert ist, muss man sich anschauen, wer heute Code abruft.
Bis vor kurzem war die Antwort: Menschen. Ein Entwickler klont ein Repository morgens einmal, arbeitet den Tag darin, schiebt abends seine Änderungen zurück. Die Last, die dabei auf einem zentralen Server wie GitHub landet, ist gut kalkulierbar.
KI-Coding-Agenten verhalten sich völlig anders. Ein Agent klont ein Repo, liest sich ein, probiert etwas aus, verwirft es, klont erneut, testet gegen einen anderen Stand. Und selten läuft nur einer: In modernen Setups arbeiten zehn, fünfzig, hundert Agenten parallel an derselben Codebasis. Jeder von ihnen feuert in Sekunden aus, wofür ein Mensch einen halben Tag braucht. Dohmke bringt es auf die Formel, das Problem entstehe durch „Milliarden von Agenten und Entwicklern, die auf einen zentralen Server zugreifen“.
Zentrale Git-Server sind darauf nicht ausgelegt. Sie drosseln - über Rate-Limits, die genau dann zuschlagen, wenn ein Agenten-Schwarm produktiv sein soll. Das ist der Schmerzpunkt, den Entire adressiert: Es fängt diesen schweren, gleichzeitigen Lese-Traffic in regionalen Zellen ab, damit er gar nicht erst am zentralen Server aufläuft.
Dohmkes Lieblingsargument dabei ist fast philosophisch: „Git war von Anfang an als verteiltes System gedacht.“ Das stimmt - jeder Clone ist technisch eine vollständige Kopie des Projekts, Git braucht keinen zentralen Server. Nur hat die Art, wie wir Git über GitHub nutzen, es praktisch wieder zentralisiert. Entire will diese ursprüngliche Verteiltheit zurückholen, diesmal getrieben von einer Last, die es 2005 noch nicht gab.
Was daran clever ist - und was noch fehlt
Wäre Entire nur ein Git-CDN, wäre es ein Feature, kein Startup. Der interessantere Teil steckt in einem Detail: den Entire-native Branches.
Normalerweise gilt beim Spiegeln die Geschwindigkeit von GitHub - schiebt man Änderungen auf einen gespiegelten Branch, ist man so schnell, wie GitHub es erlaubt. Branches mit dem Präfix entire/unmirrored/ durchbrechen das. Sie bleiben in der Region, in der sie entstehen, synchronisieren nicht zu GitHub zurück und erlauben dadurch schreibintensive Arbeit mit voller Geschwindigkeit. Übersetzt: Ein Agent kann Zwischenstände in hohem Tempo produzieren, ohne dass jeder Zwischenschritt den Umweg über GitHub nimmt - und ohne GitHub mit Ständen zu fluten, die ohnehin niemand dauerhaft braucht.
Darunter liegt eine durchdachte Architektur: eine globale Steuerungsebene für Identität und Verteilung, dazu regionale Datenebenen, die den Code inhaltsadressiert in verteilten Objektspeichern ablegen. Das ist solide gebaut und riecht nach Leuten, die zentrale Code-Infrastruktur schon einmal im ganz großen Maßstab betrieben haben.
Und trotzdem: Was heute da ist, ist ein Spiegel mit einem cleveren Zusatz. Das, was Entire zur Plattform machen würde, steht noch auf der Ankündigungsliste - direktes Hosting öffentlicher und privater Repositories, ein quelloffenes Git-Backend zum Selbstbetreiben, Zugriffsregeln als Code, CI/CD-Pipelines. Alles plausibel, alles angekündigt, nichts davon heute nutzbar. Wer Entire bewertet, sollte diese Trennlinie scharf ziehen: Es gibt das, was man ausprobieren kann, und es gibt die Vision. Beide sind interessant, aber sie sind nicht dasselbe.
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Der EU-Winkel: Datensouveränität als eigentliches Versprechen
Es gibt einen zweiten Grund, warum dieses Projekt aus europäischer Sicht Aufmerksamkeit verdient - und er hat mit KI-Agenten erst einmal nichts zu tun.
Entire startet mit getrennten Regionen für USA, EU und Australien und erlaubt, Daten an eine einzelne Region zu binden oder über mehrere zu verteilen. Perspektivisch, so die Ankündigung, soll Code nachweisbar in seiner Region liegen bleiben. Genau das trifft einen Nerv: Für viele europäische Unternehmen ist „wo genau liegt unser Quellcode“ keine technische Petitesse, sondern eine Compliance-Frage. GitHub gehört zu Microsoft, die Daten liegen im US-Rechtsraum. Ein Netzwerk, das glaubhaft verspricht, den Code in der EU zu halten, adressiert ein reales Bedürfnis, das seit Jahren wächst.
Nur muss man auch hier die Zeitform ernst nehmen. Solange Entire ausschließlich spiegelt, bleibt die Quelle das GitHub-Repository - und das liegt weiterhin in den USA. Der Souveränitäts-Vorteil ist heute ein Versprechen, kein Zustand. Er wird erst dann greifbar, wenn Entire eigenes Hosting anbietet und der Code tatsächlich zuerst in der EU-Region entstehen kann. Bis dahin ist die EU-Region ein schnellerer Spiegel, kein Datenschutz-Argument.
Für wen sich der Blick jetzt lohnt - und für wen nicht
Wenn man den ganzen Ankündigungsnebel wegräumt, bleibt eine erstaunlich klare Einordnung.
Jetzt schon relevant ist Entire für Teams, die ernsthaft mit KI-Agenten in großem Maßstab arbeiten - viele parallele Agenten auf derselben Codebasis, große CI-Flotten, spürbare Rate-Limits bei GitHub. Für sie löst der regionale Spiegel ein Problem, das sie heute real bremst.
Für alle anderen ändert sich vorerst nichts. Ein Solo-Entwickler, eine Agentur mit einer Handvoll Leute, ein normales KMU mit seinem Firmen-Repository - für die ist Entire heute eine interessante Meldung, kein Handlungsbedarf. Der Rat lautet hier: zur Kenntnis nehmen, nicht anfassen. Es gibt schlicht noch nichts, das den Aufwand rechtfertigt.
Und dann gibt es die Gruppe, für die sich das Beobachten lohnt: Organisationen mit echten Anforderungen an Datensouveränität. Für sie ist nicht der heutige Spiegel spannend, sondern das, was Entire werden will. Wenn das native Hosting kommt und der Code nachweisbar in der EU bleiben kann, wird aus einer Randnotiz ein Argument. Vorher nicht.
Ich verfolge solche Entwicklungen, weil sie beeinflussen, wie ich für Kunden baue - ob es um KI-gestützte Entwicklung geht oder um die Frage, wo Daten und Code am Ende liegen. Wenn dich interessiert, was ein Trend wie dieser konkret für dein Projekt bedeutet: Ich bin Eric Menge von EMIT Solution, erreichbar unter info@emit-solution.com und über emit-solution.com.
Häufige Fragen
Ist Entire ein Ersatz für GitHub?+
Heute nicht. Aktuell kann Entire nur bestehende GitHub-Repositories spiegeln - der Code bleibt auf GitHub, Entire hält regionale Kopien bereit. Direktes Hosting eigener öffentlicher und privater Repos hat das Unternehmen für die kommenden Monate angekündigt, verfügbar ist es noch nicht. Wer Entire heute nutzt, verlässt GitHub also nicht, sondern legt einen Spiegel davor.
Für wen lohnt sich Entire heute schon?+
Für Teams, die viele KI-Agenten parallel auf derselben Codebasis laufen lassen und dabei in die Rate-Limits von GitHub laufen - für sie nimmt ein regionaler Spiegel einen echten Engpass raus. Für einzelne Entwickler, kleine Agenturen und normale Firmen ändert sich dagegen vorerst nichts: zur Kenntnis nehmen, aber noch nichts tun.
Warum baut man so etwas ausgerechnet jetzt?+
Weil sich die Last verändert hat. Ein Mensch klont ein Repository morgens einmal. KI-Coding-Agenten tun es tausendfach: Sie klonen, lesen, testen, klonen wieder - und mehrere davon laufen parallel. Zentrale Git-Server sind auf diese Menge gleichzeitiger Lesezugriffe nicht ausgelegt und drosseln. Entire verteilt diesen Traffic auf regionale Kopien.
Was sind Entire-native Branches?+
Branches mit dem Präfix entire/unmirrored/ bleiben in der Region, in der sie entstehen, und werden nicht zu GitHub zurückgespiegelt. Dadurch erlauben sie schreibintensive Arbeit mit voller Geschwindigkeit - gedacht für Zwischenstände, die ein Agent produziert und die niemand dauerhaft auf GitHub braucht. Das ist der Teil, der über reines Spiegeln hinausgeht.
Was hat Entire mit EU-Datensouveränität zu tun?+
Entire startet mit Regionen in den USA, der EU und Australien und will Daten an eine Region binden lassen. Perspektivisch soll Code nachweisbar in einer Region bleiben - das zielt auf Data-Residency- und Souveränitäts-Anforderungen, wie sie viele europäische Firmen haben. Heute ist das eine Ankündigung: Solange nur gespiegelt wird, bleibt die Quelle das GitHub-Repository, und das liegt in den USA.
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